Chamisso in Kunersdorf
Lesung am Kamin am 20. 11. 2010 mit Dr. Erich Siek und Hannelore SiekAm 20. November 2010 fand im Kunersdorfer Musenhof eine literarische Veranstaltung zum Leben und Werk Adelbert von Chamissos statt. Die Veranstaltung zeichnete ein differenziertes Bild des Naturforschers, Weltreisenden und deutsch-französischen Dichters, der in den botanischen und zoologischen Wissenschaften bedeutende Entdeckungen machte und hochinteressante soziologische und sprachwissenschaftliche Forschungen in der Inselwelt Polynesiens, auf Kamschatka sowie in Alaska und Kalifornien betrieb. Er war als Lyriker weltbekannt und schrieb noch heute lesenswerte romantische, satirische und sozial engagierte Gedichte und Balladen.
Ein Schwerpunkt der Veranstaltung war seine Märchenerzählung „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“, die er im Sommer 1813 auf dem Schloss Kunersdorf der märkischen Adelsfamilie von Itzenplitz schrieb.
Dazu hieß es in der Veranstaltung:
Hier in Kunersdorf, fast noch am Anfang seiner literarischen Karriere, trotzte er sich neben der intensiven
Beschäftigung mit botanischen Studien und der Anlegung eines umfangreichen Herbariums die Stunden und Tage ab,
um seine Märchennovelle „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ zu schreiben, sein wohl bekanntestes,
beliebtestes und auch künstlerisch bedeutendstes episches Werk, das mitunter – sehr zu unrecht – das Einzige
ist, was von ihm bekannt ist.
Sein Peter Schlemihl ist ja wahrlich auch mehr als ein romantisches Kindermärchen voller wundersamer Abenteuer über Verkauf des Schattens, Teufelspakt, unerschöpfliches Glückssäckel voller Goldstücke, Tarnkappe und Siebenmeilenstiefel, obwohl auch ein solches Märchen – spannend und unterhaltsam erzählt – schon aller Ehren wert gewesen wäre. Die Novelle ist gleichzeitig eine poetische Gestaltung der aktuellen Bedrohung menschlichen Lebens durch Geldgier und Geltungssucht, des Verlustes moralischer Werte und Maßstäbe, und schließlich ist sie auch der Versuch, einen Ausweg aus der dadurch erfolgten gesellschaftlichen Isolierung zu finden; es ist gewissermaßen das Wagnis eines neuen Lebensentwurfs. Und sicher ist Peter Schlemihl auch eine Widerspiegelung der persönlichen Lebenskrise Chamissos, der sich damals zwischen allen Fronten, ohne festen Grund und Lebensaussicht, bewegte: Nicht mehr Franzose und noch nicht Deutscher in den nationalen Kämpfen und Wirren der napoleonischen Eroberungszüge, schwankend zwischen den Träumen vom klassischen Kulturideal und sozialem und politischem Engagement, zwischen Fortschrittsglauben und stillem Begnügen mit dem Gegebenen, zwischen Dichtkunst und Naturwissenschaften – nichts Bedeutendes geleistet im Leben und immer auf der Flucht und Wanderung zwischen den Welten. Und schließlich für kurze Zeit im freundlichen Asyl des Itzenplitzschen Schlosses gelandet.
Viele Literaturwissenschaftler, Germanisten und Historiker haben ihre scharfsinnigen Bemühungen darauf verwandt, die tiefere Bedeutung des Schattenverkaufs und Schattenverlustes zu erfassen, obwohl Chamisso selbst eine solche Symbolisierung seiner Erzählung ablehnte, vor allem wohl, weil es seiner Auffassung von literarischem Schaffen widersprach, eine bewusste didaktische Absicht in einem Kunstwerk zu verwirklichen.
Und schließlich hatte er die ganze Geschichte nicht für eine Veröffentlichung, sondern nur als Märchen für Frau und Kinder seines Freundes und Verlegers Eduard Hitzig geschrieben. In einem Brief an ihn aus Kunersdorf heißt es:„Du hast nicht weniger von mir erwartet als ein Buch! Lies das Deiner Frau vor, heute Abend, wenn Du Zeit hast. Wenn sie neugierig wird zu erfahren, wie es Schlemihl weiter ergangen und besonders, wer der Mann im grauen Kleide war, so schick mir gleich morgen das Heft wieder, auf dass ich daran schreibe – wo nicht, so weiß ich schon, was die Glocke geschlagen hat. Vom dritten Kapitel ist das erst der Anfang; dies und das folgende sind mir sehr beschwerlich - es stehen die Ochsen am Berge.“
Lassen Sie uns aber ruhig ein bisschen spekulieren und ein paar Fragen stellen, es wird sich lohnen:
Was sollte denn nun hinter dem Tausch des Schattens für ein Leben voller Geld, Reichtum und Ansehen in einer
sich damals gerade verändernden Gesellschaft stehen, in der Geld nicht nur persönlichen Luxus ermöglichte,
sondern Kapital für wirtschaftliche und politische Macht darzustellen begann? Die kapitalistische Gesellschaft
kündigte sich an. Oder wollte Chamisso nur Geldgier und ihre moralischen Folgen zeigen, charakterliches Versagen,
Schuld und Buße gestalten und als Ausweg die Flucht aus der Gesellschaft in die Natur, in der keine menschlichen
Konventionen einen soliden Schlagschatten verlangen, wie ihn alle guten Bürger haben.
Also war es wohl doch nicht nur ein Schatten, den Schlemihl da verkauft hatte gegen das ewig volle Goldsäckel, es war auch etwas, was alle Menschen naturgegeben besitzen. Und nun war der, der diesen so menschlichen Schlagschatten nicht mehr besaß, keiner der Ihren, kein Zugehöriger zur menschlichen Gesellschaft. Er war ihrem Hohn und Spott ausgesetzt und ihrer Verachtung preisgegeben, ein Fremder, ein Ausgestoßener. Es war dabei gleichgültig, ob solch ein für ewig zugeteilter Schatten nur eine bisher kaum wahrgenommene formale Eigenschaft des menschlichen Körpers war oder eine von Gott geschenkte Menschlichkeit; es war eben vor allem etwas Gemeinsames, das alle Menschen verband, und das hatte Schlemihl nun aufgegeben.
Und als Ausweg aus dieser gesellschaftlichen Isoliertheit findet unser Held nun mit Hilfe der magischen Siebenmeilenstiefel den Weg in die weite Welt und ihrer wissenschaftlichen Erforschung, für die man keinen Schatten braucht. Die Naturwissenschaft - so glaubte er, und mit ihm glaubt es Chamisso - wird ihm ermöglichen, wieder ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden und etwas für ihre Aufklärung und Bildung zu tun.
Ob dieses Vorhaben wirklich seine gesellschaftliche Isolierung aufhebt, bleibt eine Frage. Und ob wir nun trotz Chamissos Warnung zu viel sinndeutende Symbolik in eine schlichte Märchennovelle hineingeheimst haben, bleibt wohl auch unentschieden.
Aber so ist es wohl mit aller guten Literatur: Sie sagt oft mehr, als der Autor wusste oder wollte, und sie sagt es unauffällig und ohne erhobenen Zeigefinger. Ohne eine gewisse geistige Anstrengung des Lesers ist aber der Gehalt eines literarischen Kunstwerks kaum erfassbar. Den tieferen Sinn selbst rauszukriegen, ist aber das große Vergnügen am Kunstgenuss. Also lesen Sie selbst noch einmal den Schlemihl und entdecken Sie Ihre eigenen Deutungsmöglichkeiten. Der epische Fluss dieser Novelle und die liebevolle realistische Detailzeichnung der Personen und ihrer Seelenzustände erlauben kein Zerhacken in Vorlesehäppchen. Lassen Sie sich selbst verzaubern und anregen zum Mit- und Nachdenken über Leben und Lebenshaltungen, was man machen kann und sollte aus seinem Leben und was nicht. Solch eine aktivierende und gleichzeitig aktualisierende Anregung steckt denn wohl in dieser im wahrsten Sinne des Wortes merkwürdigen Märchennovelle zwischen Romantik und Realismus.
Es ließe sich sicher noch viel mehr sagen über Schatten- und Seelenverkauf, über die unsichtbare, aber umso schrecklichere Gewalt von Reichtum, Verführung und Verlust, die Schlemihl ergriffen und uns selbst Schritt für Schritt ergreifen könnte.