Chamisso-Literaturhaus im Kunersdorfer Musenhof
Chamisso-Literaturhaus im Kunersdorfer Musenhof

Der Schauspieler Hanns Zischler im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Prof. Ernst Osterkamp.

Kunersdorf: Lyrik eines "Spätstarters"

Eine eher unbekannte Seite Chamissos näher beleuchtet

 

Adelbert von Chamisso ist so etwas wie ein Ehrensohn des Bliesdorfer Ortsteils Kunersdorf. Hier hat er eine Zeit lang gelebt, hier schrieb er „Peter Schlemihls wundersame Geschichten“, sein wohl bekanntestes Werk. Und eben auch hier, im neuen Kunersdorfer Musenhof in der einstigen Dependence des alten, bei Kriegsende stark beschädigten und später abgetragenen Schlosses, wurde vor wenigen Jahren die Chamisso-Gesellschaft aus der Taufe gehoben. Seither dreht sich auch im kulturellen Programm des Hauses noch sehr viel mehr um diesen Mann, der nicht nur als Literat, sondern auch als Wissenschaftler und gesellschaftlicher Vordenker seiner Zeit in die Geschichte einging. Der Lyriker Chamisso ist im öffentlichen Bewusstsein aber teilweise in Vergessenheit geraten. Dabei waren seine Gedichte, einige Jahre nach seiner Weltreise 1831 in einer Erstausgabe erschienen und bis 1834 um nahezu 200 Seiten erweitert, damals noch ein großer Erfolg und hielten sich auch bis vor wenigen Jahrzehnten als Unterrichtslektüre in etlichen Schulbüchern. Die gegenwärtige Nichtachtung dieses Teils seines Schaffens ist nicht nur schade, sondern ein echtes Versäumnis, wie die Veranstaltung in Kunersdorf am vergangenen Sonnabend zeigte. Der renommierte Schauspieler Hanns Zischler, bekannt aus 150 Filmen und ein bekennender Chamisso-Fan, las eine vielschichtige Auswahl an Gedichten des Meisters, der gekonnt nicht nur mit der deutschen Sprache spielt, sondern immer wieder auch ein erstaunliches Maß an Wortwitz und sogar Selbstironie offenbart. Ein ebenso unterhaltsamer wie tiefsinnig-lehrreichr Nachmittag, zu dem auch Germanistikprofessor Ernst Osterkamp mit seinen fachkundigen Erläuterungen beitrug.

Meisterhafter Verseschmied mit Selbstironie

 

Es war sein Freund und Biograf Eduard Hitzig, der Chamisso immer wieder mit Stoff versorgte, Anregungen gab – und auch schon während der Weltreise Adressat erster Werke war. Noch von unterwegs, von der Halbinsel Kamtschatka aus, ließ Chamisso ihm „Aus der Beeringstraße im Sommer 1816" zukommen. Und es war nachgewiesenermaßen wieder einmal Hitzig, der den Dichter auf den Fall einer Bremerin aufmerksam machte, der 1828 als Vorlage für „Die Giftmischerin" diente. Darin versetzt sich der Lyriker direkt in die Rolle jener Frau, die 30 Menschen, darunter ihre Eltern, zwei Ehemänner und drei ihrer Kinder, umgebracht hat. Mit der Gier nach Macht und Geld hält er dabei der damaligen Gesellschaft den Spiegel vor – und auch „Der Bettler und sein Hund" weist ähnlich sozialkritische Züge auf. Die Einführung der Hundesteuer zwingt den Mittellosen, seinen vierbeinigen treuen Gefährten töten zu müssen – am Ende springt er dann aber doch lieber selbst ins Wasser. Die beiden Gäste in Kunersdorf sind ein eingespieltes Team. Dreifach bereits sind sie mit diesem Programm aufgetreten, wobei die Auswahl der Gedichte immer etwas variiert, wie sie berichten. Zischler vertieft sich in die wechselnden Stimmungen und Szenen der einzelnen Werke, Osterkamp schafft Verbindungslinien, ordnet ein, verweist schon im Vorfeld auf Besonderheiten, auf die der geneigte Zuhörer anschließend noch genauer achten sollte. Ein „Schiffbrüchiger des Schicksals" sei Chamisso gewesen, heißt es da an einer Stelle. Ein Mann, der zeitlebens so manche Traumata mit sich herumtrug, angefangen mit dem Verlust der Heimat seiner Kindheit. Damit zumindest aber hatte er sich – anders als seine Brüder, die später eher dem reaktionären Gedankengut zuneigten – abgefunden, wie auch das Gedicht „Das Schloss Boncourt" von 1927 illustriert. Immer wieder ging er mit seiner eigenen gesellschaftlichen Klasse hart ins Gericht, auch vier Jahre später in „Das Riesenspielzeug", verfasst im Versmaß des Nibelungenliedes. Eine Mahnung an den Adel, die Bauern mit ihrem Beitrag zum Gemeinwesen zu respektieren. „Mäßigung und Mäßigkeit" kommt wiederum als Trinklied daher, und ein weiteres schönes Beispiel für Ironie ist „Minnedienst", worin er das Balladentum Schillers auf die Schippe nimmt. Der Ritter will vom schönen Fräulein zu gefährlichen Abenteuern ausgesandt werden – sie aber schickt ihm beim Empfang, ihr eine Schale Gefrorenes zu bringen. Eine ebenfalls äußerst heikle Mission …

Thomas Berger

 

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© Foto: Thomas Berger

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