Kunersdorf (bg) "Eigentlich hätte es ein richtig schönes Gartenfest werden sollen", wie Margot Prust namens der Gastgeberinnen sagte. Diesen Plänen im Kunersdorfer Musenhof machte Petrus aber einen Strich durch die Rechnung, so dass sich alle im Innern des Hauses zusammendrängten. Bis in den letzten Winkel war der Raum mit Gästen gefüllt, die mit Kathrin Schwingel und Heike Mildner einen besonderen Nachmittag erleben wollten.
Kulinarischer Geschichtsexkurs zum Oderbruch: Kathrin Schwingel und Heike Mildner begeisterten die Gäste im Musenhof.
Und ein solcher wurde es tatsächlich: Heiter-ironisch, ungemein informativ, besinnlich und anregend. Denn es ging im engeren und weiteren Sinn um Essen, anhand der in Buchform vorliegenden kulinarischen Reise durch das Oderbruch darum, was bei den Bewohnern der Gegend früher auf dem Tisch landete und sich als Tradition teils bis heute erhalten hat. So wie die Mohnpielen, die den Zuhörern noch vor der musikalischen Lesung serviert wurden.
Heike Mildner, gerade auch MOZ-Lesern als Journalistin ein Begriff, vermag nicht nur meisterlich mit der Sprache umzugehen, wenn sie zum Beispiel in den Buchtexten über mehrere Jahrhunderte hinweg Wandlungsprozesse unterschiedlichster Art entlang des Flusses beschreibt. Bei den Liedern, die immer wieder zur Auflockerung erklangen, offenbarte sie darüber hinaus bisher verborgene Talente, spannte mit lyrischem Feingespür, viel Humor und im Ausdruck wandlungsfähiger Stimme vor allem den Bogen zur allerjüngsten Vergangenheit und dem Heute. Schauspielerin Kathrin Schwingel war wiederum ganz die Richtige, um beim Lesen die Zuhörer mitzunehmen ins Leben der Vorfahren, die ein oft hartes, spartanisches Leben führten. Im Alltag gab es unter anderem Kürbisse, die als einzige in Massen auf riesigen Misthaufen gediehen, sowie Fische in großer Vielfalt, Krebse und Schildkröten. Mächtig aufgetafelt wurde vor allem zu Festlichkeiten, dörfliche Hochzeitsfeiern beispielsweise zogen sich gleich über drei Tage. "Ein fetter Ochse, zwei fette Schweine und drei Kälber" wurden dafür geschlachtet, dazu in der Saison bis 20 fette Gänse. Die Völlerei schloss große Mengen an Bier, Wein und Branntwein ein. In riesigen Kesseln, üblicherweise zum Waschen genutzt, wurde außerdem Milchhirse zubereitet.Nebenbei erfuhr das Publikum mancherlei über Neubürger „aus dem nichtpreußischen Ausland“, die eigene Gerichte mitbrachten. Auch mit Irrtümern räumten die beiden Frauen auf. Denn Altfriedländer Klosterleben war so asketisch nicht, Fleisch ließ sich in Maultaschen verstecken.
THOMAS BERGER