Kunersdorf/Frankfurt (Oder) (MOZ) Besucher in Kunersdorf mögen nicht schlecht gestaunt haben ob der Aufmachung der Gräfin von Itzenplitz: Wenn sie sich auf den Ländereien rund ums Schloss herum zu schaffen machte, zog sie kurzerhand Hosen unter den Rock, den sie beim Laufen raffte. Nachts, wenn die Arbeit getan war, widmete sie sich genau wie ihre Mutter Helene Charlotte von Lestwitz der Lektüre aus der Friedländer Bibliothek, die im Schloss Kunersdorf immerhin rund 30 000 Bände umfasste. Sie galt damit als die größte Schlossbibliothek der Mark Brandenburg. Die beiden Frauen von Friedland hatten ihr Haus um 1800 zu einem beliebten Treffpunkt für die Künstler und Wissenschaftler gemacht. Die von Landwirtschaft geprägte Mark ein Zentrum geistig-kulturellen Lebens? Nicht nur Fontane hat dies bei seinen Wanderungen erfahren.
200 Jahre später, seit 2006, ist der Kunersdorfer Musenhof längst wieder Anlaufpunkt für geistigen Austausch, auch wenn er nun in der Dependance stattfindet, da das Schloss den Zweiten Weltkrieg nicht überdauerte. Nicht nur der Findling Verlag hat hier sein Zuhause, auf den Hof wird alljährlich zu literarischen, musikalischen, popularwissenschaftlichen Veranstaltungen geladen. Erstmals wurde dieses Jahr gar ein Literatur-Stipendium vergeben: Die erste Musenhofschreiberin Deutschlands ist die Autorin Regina Scheer („Wir sind die Liebermanns”), die noch bis zum 10. Dezember in Kunersdorf an einem neuen Buch schreibt. Dieses Stipendium kam nicht zuletzt auf Anregung des Frankfurter Kleist-Museums zustande, dessen Leiter, Wolfgang de Bruyn, Erfahrungen mit dem Burgschreiber-Stipendium in Beeskow weitergeben konnte.
Gemeinsame Ausstellung 2010 widmet sich dem Dichter ChamissoÜberhaupt wollen beide Häuser künftig partizipieren. Die Unterschrift unter einem Kooperationsvertrag ist noch frisch. Nach den Vorstellungen der Musenhof-Chefinnen Margot Prust und Inge Bärisch sowie de Bruyns soll ein Netzwerk geknüpft werden, zu dem unter anderem die Europa-Universität Viadrina gehört, deren Kulturwisschaftliche Fakultät sich des Themas Salons und Musenhöfe in der Mark um 1800 wissenschaftlich nähert.
Die Zusammenarbeit zwischen Musenhof und Kleist-Museum hat aber auch ganz praktische Seiten wie den Austausch von Veranstaltungen. Überdies finden nicht nur verlegerische Intentionen zueinander, sondern literarische auf den Spuren Heinrich von Kleists. Der zwar nicht auf dem Musenhof Kunersdorf, sondern auf dem von Friedrich de la Motte Fouqué in Nennhausen saß und dort mit Adelbert von Chamisso zusammen, der wiederum in Kunersdorf seinen „Peter Schlemihl” schrieb. Chamisso ist 2010 in Kunersdorf eine Ausstellung gewidmet, die im Zusammenwirken mit dem Frankfurter Literaturmuseum entsteht. Auch für Künstlerpleinairs, deren Thema Kleist ist, sei der Musenhof geeignet, finden de Bruyn und Margot Prust.
Die Frauen von Kunersdorf tragen heute keinen Rock mehr über den Arbeitshoen. Zum Staunen gibt es dennoch genug auf dem Musenhof, beispielsweise wenn der Historiker Reinhard Schmok am 21. November über den Verbleib der Friedländer Schlossbibliothek sprechen wird.
(Märkische Oderzeitung, 12. November 2009, Kulturseite)