Amüsante Plauderei auf dem Musenhof

„Der kleine Herr Friedemann”

Von Welf Grombacher

Kunersdorf (GMD) Es gibt Handicaps, die sieht man nicht auf den ersten Blick, so wie das des kleinen Herrn Friedemanns aus Thomas Manns 1987 entstandener Novelle „Der kleine Herr Friedemann”. Als Säugling ist er vom Tisch gefallen und schleppt sich seither als verwachsener Zwerg durchs Leben. Nur in der Musik und in der Literatur findet er Trost. Am Sonnabend wurde die gleichnamige Verfilmung von Thomas Manns Novelle in der Kunersdorfer Kirche gezeigt, anschließend war zum Gespräch mit Drehbuchautor Eberhard Görner in den benachbarten Musenhof eingeladen.

Kino in der Kirche: Eine Premiere in Kunersdorf. Die problematische Akustik störte kaum einen der 60 Zuschauer. Wegen des faszinierenden Mienenspiels von Ulrich Mühe in der Titelrolle hätte man den Film auch ohne Ton zeigen können. „Eine artistische Leistung” nannte Görner dann auch, „wie sich Mühe immer weiter verbiegt”, nachdem er zunächst vom Kapellmeister beim Versuch, als Geiger ins Orchester zu kommen, und danach auch noch von der unnahbaren Gerda von Rinnlingen zurückgewiesen wird, der er Avancen macht. „Dieser Film war für Uli Mühe geschrieben”, meinte Primaballerina Jutta Deutschland, die unter den Gästen des Abends war.

Die angekündigte Hauptdarstellerin und Bismarck-Urenkelin, Maria von Bismarck, hatte wegen Meniskusproblemen kurzfristig absagen müssen. Weil, wie Görner berichtete, der Regisseur ihrer Buddenbrooks-Inszenierung in „die Idee hatte, das Stück auf einer schiefen Bühne spielen zu lassen”.

Aus dem Nähkästchen plauderte der 63jährige Autor auch sonst. Wie er beim Grappa Golo Mann dazu überredet habe, die Rechte für das Buch seines Vaters frei zu geben, die in der DDR nicht leicht zu bekommen waren. Den Text habe er bewusst gewählt, weil er Parallelen zum Leben in der DDR darin gesehen habe. „Herr Friedemann lebt 30 Jahre lang im selbstgewählten Ghetto”, sagte Görner. Und er verwies darauf, dass Mann mit der Novelle schon die Struktur für seinen Buddenbrook-Roman gefunden habe. Die Besucher hörten begierig zu und bekundeten so, dass auch sie in gewisser Weise Mangel leiden: Mangel an Kultur auf dem Land. Orte wie der Musenhof sind es, die daran etwas ändern.

(Märkische Oderzeitung, 08. Oktober 2007, Kulturseite)
zurück