Musenhof im Küchengarten

Um 1800 blühte in Berlin die Salonkultur. Auf dem Lande entstanden als Pendant dazu sogenannte Musenhöfe. In Kunersdorf hauchen drei Frauen einer solchen historischen Stätte mit viel Enthusiasmus neues Leben ein.

„Hat jemand die Schubkarre gesehen?” - „Ich hab sie nicht”, kommt eine Antwort aus dem Bauerngarten, wo Marion Schulz dem Unkraut rund um die Erdbeeren zu Leibe rückt. „Ich hatte sie gestern beim Holz machen, sie müsste noch hinten am Schuppen stehen”, ruft Inge Bärisch, die in der Tür zum Garten steht, Pause macht und eine Zigarette raucht. Sie hat heut „Innendienst”, erledigt Büroarbeit und kümmert sich um Gäste. Mit wieder aufgefundener Schubkarre, Hacke und Spaten schlägt sich Margot Prust in die Büsche des parkartigen Geländes. Es gibt viel zu tun, soll nicht nur das Haus, sondern auch der knappe Hektar Grün rund um einen gepflegten Eindruck machen. Seit Anfang April hatten die drei Wahl-Kunersdorferinnen ihr Haus jeden Samstag un d Sonntag zwischen 11 und 18 Uhr für Besucher geöffnet. An den Wänden im Erdgeschoß der 1926 als Wohn- und Verwaltungsgebäude erbauten Villa hängen professionell gestalteten Informationstafeln zur Geschichte des Ortes: „Kunersdorf und die Frauen von Friedland” lautet der Titel dieser ständigen Ausstellung. Sie wurde im November 2006 eröffnet und ist ein Teil dessen, was den „Musenhof” ausmacht. Ein anderer Teil sind die Lesungen und Konzerte, die die Frauen gemeinsam mit dem Verein „VorOrt” ehrenamtlich organisieren und veranstalten. Sie finden in den Ausstellungsräumen oder mit Unterstützung der Kirchengemeinde im benachbarten Gotteshaus statt. Allein im vergangenen Jahr kamen 2000 Besucher. Mit ihren Veranstaltungen und dem offenen Haus greifen die Frauen ein Stück Kunersdorfer Geschichte auf: Um 1800, als im 60 km entfernten Berlin die Salonkultur blühte, bildeten sich „Musenhöfe” als ihre Pendants auf dem Lande. Die wohl berühmtesten Kunersdorfer, Helene Charlotte von Lestwitz, genannt die Frau von Friedland, und ihre Tochter, Henriette Charlotte von Itzenplitz führten auf ihrem Kunersdorfer Landsitz einen dieser ländlichen Salons.


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Marion Schulz baut nicht nur Obst und Gemüse im Garten an, sie verarbeitet es auch zum Wohle der Musenhofbewohner und ihrer Gäste in der Küche

Offene Atmospäre

Die Gäste kamen aus Berlin, der verbindende Gedanke war der Geist der Aufklärung. Unteranderem sollen damals die Brüder Humboldt, die Bildhauer Schadow, Rauch und Tieck, Landwirtschaftsreformer Albrecht Daniel Thaer, der Jurist Friedrich Carl von Savigny, Goethes Freund Zelter und der Dichter Adelbert von Chamisso in Kunersdorf gesichtet worden sein. Letzterer hat hier „Peter Schlemihls wundersame Geschichte” zu Papier gebracht. Doch vor allem waren es wohl die offene Athmosphäre für Gespräche unter Gleichgesinnten, die den Musenhof für die berliner zum attraktiven Ausflusziel machte. An diese glorreichen Kapitel Kunersdorfer Geschichte erinnern die augefällige Grabkolonnade am Rande des Friedhofs, das Familienbegräbnis der einstigen Schlossherren (und -frauen), ein Gedenkstein für Chamisso und ein Denkmal für die Frau von Friedland im einst von Peter Joseph Lenné angelegten Schlosspark. Die zentralen Bezugspunkte des Parks, das alte Herrenhaus und das Schloss, das des „Alten Fritz'” General Hans Sigismund von Lestwitz 1771 für seine Tochter bauen ließ, gibt es indes nicht mehr. Ihr Fehlen erinnert an die weniger glorreichen Kapitel Kunersdorfer Geschichte. Beide Schösser brannten - wie auch die alte Dorfkirche - nach schweren Gefechten im April 1945 bis auf Keller und Rest der unteren Etagen aus; Steine aus den Ruinen verbaute man 1948 in Häusern für die Familien von Flüchtlingen und Neubauern. Vom Schlossensemble blieb nur das Wohn- und Verwaltungsgebäude von 1926 stehen. Dessen Innenleben wurde für kleinere Wohnungen und das Büro der Gemeinde nutzbar gemacht. Unzählige Mieter zogen zwischen 1945 und 2005 in die „Villa Kunterbunt” - wie das Haus von den Kunersdorfern inzwischen genannt wurde - ein und wieder aus. Der einstige Küchengarten des Schlosses, in dessen Mite das Haus steht, wurde parzelliert und diente nun der Kleintierhaltung und als Gemüsegarten. An der Villa nagte der Zahn der Zeit, und niemand bot ihm gebührend Einhalt. Gut zehn Jahre nach der Wende wollte die Gemeinde das Haus verkaufen, weil für die notwendige Innensanierung nicht genug Geld vorhanden war. Ein Umstand, der nicht nur der Gemeinde, sondern auch Margot Prust schlaflose Nächte bereitete.


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Margot Prust ist eigentlich Grafikerin und kümmert sich neben ihrer Arbeit für den Musenhof auch um das Umfeld seiner Bäume und Sträucher.

Konzept überzeugt

Gemeinsam mit Inge Bärisch führte sie zu dieser Zeit in Neuenhagen bei Berlin den Buch- und Zeitschriftenverlag Findling. Die Verlagsräume waren zu klein geworden. Seit Jahren suchte man nach einer geeigneten Immobilie, die nicht nur genügend Platz für die Verlagsarbeit, sondern auch Raum für eine dreiköpfige Lebensgemeinschaft bot. Die Kunersdorfer „Villa Kunterbunt” erfüllte alle Voraussetzungen - und sie war zu haben. Die Geschichte des Hauses kannten die Frauen durch ihre Arbeit an einer Ausstellung über Albrecht Daniel Thaer an dessen Wirkungsstätte in Möglin, ganz in der Nähe. In Kunersdorf, wo es einst einen Musenhof gegeben hatte, einen neuen zum Leben zu erwecken, - welch kühne Idee und verlockende Herausforderung! Die Frage war, ob man bereit sein wollte, kurz vor der Rente sein komplettes Lebensumfeld noch einmal neu zu gestalten. Der Kauf zog sich über zwei Jahre hin. Genug Zeit, um immer wieder ins Grübeln zu geraten.
Mit ihrem Konzept, Verlagsgewerbe und Wohnen mit kulturellen Angeboten für die Allgemeinheit zu verbinden, konnten die Frauen die Gemeindevertreter überzeugen. Drei Tage vor Heilig Abend 2005 verkaufte Margot Prust ihr Elternhaus in Neuenhagen, um zwei Stunden später den Kaufvertrag für das Anwesen in Kunersdorf zu unterschreiben. Die Arbeit konnte beginnen: Das Haus wurde völlig entkernt. Dabei entdeckte man Hinweise auf die ursprüngliche Raumeinteilung und berücksichtigte sie bei der Neugestaltung. Unter dem Linoleum kam das alte Eichenparkett zum Vorschein; alte Türen wurden nachgekauft, die Decken nach alter Technik geputzt. Bei all dem galt es gut zu haushalten, denn das Geld für den Erlös des Neuenhagener Hauses sollte für die Sanierung ausreichen. Mitte August 2006 zogen die Frauen nach Kunersdorf, um und machten sich an die Außenarbeiten: Kaninchenställe und Schuppen wurden abgerissen, Sträucher und Bäume beschnitten und über den Rest hatte erst einmal Gras zu wachsen. Die erste große Anschaffung: ein Rasentraktor. Bis zur Eröffnung der Ausstellung im November 2006 war das Wesentliche geschafft.
Fragt man die Frauen nach einer Bilanz ihrer ersten Jahre in Kunersdorf, nennen sie nicht ohne Stolz die beträchtliche Zahl der Besucher. Allerdings komme der Großteil der Gäste aus Berlin, meint Margot Prust, auch wenn sich das Angebot des neuen Musenhofes nicht nur an die Hauptstädter richte. Innerhalb des Dorfes fühlen sich die Frauen eher geduldet als willkommen. Doch es gebe Hoffnungszeichen. Eines sei die gute Zusammenarbeit mit der Kirchgemeinde. Und neulich habe ihnen jemand aus dem Dorf zwei Sessel aus dem Schloss angeboten, die auf seinem Dachboden gelandet waren. Eine Gästeführerin mache regelmäßig Station auf dem Musenhof und möglicherweise gebe es bald ein Hofcafé in der Nachbarschaft. Vielleicht müsse man einfach geduldiger sein.


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Für Inge Bärisch ist die Arbeit mit dem Rasentraktor ein höchst willkommener Ausgleich für die am Computer.

Aus eigener Kraft

Finanziell wird der Musenhof - trotz seiner kulturhistorischen Schwerkraft - kaum gefödert. Dennoch versucht man, die Eintrittsgelder niedrig zu halten. „Von Seiten des Landkreises fließen die Gelder für Kultur in eine Kultur GmbH und kommen ausschließlich dem etablierten Kulturbetrieb zugute”, meint Margot Prust. Das mache die Sache für den Musenhof nicht leichter. Doch weil Klagen nicht hilft, machen sich die Frauen nach Kaffee und Unterhaltung wieder an die Arbeit. Schließlich hat ja die Saison erst begonnen, im Garten wie im Musenhof.

HEIKE MILDNER
Am 31. Mai, ab 14 Uhr, geht es in Kunersdorf in Vorträgen und Lesungen einen ganzen Tag lang um die Kultur der Musenhöfe.

(Bauernzeitung, Land & Kultur vom 28. 04. 2008, Seite 20)
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