Der Musenhof Kunersdorf

Mors sine musis vita

In den Jahren nach Kriegsende war auch der kleinen Oderbruchgemeinde Kunersdorf, die sich einst Cunersdorf schrieb, ein recht trauriges Schicksal zugedacht. Ihr Barockschloß lag zerstört und wurde abgetragen, der Kirche erging es ebenso, der Park verwildert und viele Grundstücke zeigten noch lange die materiellen Spuren der letzten Kriegswochen. Hinzu kamen neben den materiellen Kriegsfolgen die von der Obrigkeit verordneten „Korrekturen” an der historischen Geschichte des Ortes. Wer sich damals über den Ort informieren wollte, hatte es schwer, schließlich handelte es sich hier um ein wichtiges regionales Kapitel preußischer Geschichte, das sich nur schlecht oder gar nicht in den Zeitgeist einordnen ließ. Gedrucktes zum Nachlesen war kaum zu finden, die Archive verschlossen oder unzugänglich. Die beste Quelle hat uns Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg” hinterlassen. In der DDR wurden die „Wanderungen” erst 1976, dreißig Jahre nach dem Weltkrieg, vom Aufbau-Verlag vorgelegt. Damit wurde jedoch ein Tabu gebrochen. Für die Aufarbeitung der Kulturgeschichte des Ortes und besonders seiner Adelsherschaft begann nunmehr ein neues Zeitalter, man konnte nachlesen.

Der Name „Musenhof” wird genannt. Das soll nun nicht heißen, daß derartige Bemühungen von den Kulturverantwortlichen der Partei begeistert gefördert wurden. Im Gegenteil, die Aktivitäten von historisch interessierten Bürgern wurden äußerst kritisch verfolgt und registriert. Aber das Interesse am "Musenhof" war nicht mehr aufzuhalten.

Die Familie Rudolf leistete vor Ort Pionierarbeit. Und in den Mitgliedern des Freienwalder Kulturbundes und seinen ehrenamtlichen Denkmalpflegern fand sie hilfreiche Unterstützung; das Terrain war geebnet. Ich erinnere mich an einen denkmalpflegerischen Arbeitseinsatz an den Kolonaden an dem auch Kurt Kretschmann teilnahm, als Frau Rudolf mit einem großen Korb prachtvoller Kirschen und lobender Worte für uns erschien ... Eine besonders hervorzuhebende Unterstützung erhielten die Kunersdorfer damals durch Herrn Dr. Namslauer, der sich als Fachmann für historische Parke und Gartenanlagen des einstigen Gutsparks annahm. Wer den Nachkriegspark kannte, kann im Vergleich zu der heutigen Anlage dessen segensreiches Wirken nachempfinden. Was er wirklich leistete, werden die Parkbesucher jedoch erst in 50 Jahren erkennen können. Nicht unerwähnt bleiben sollen an dieser Stelle die aufwendigen denkmalpflegerischen Maßnamen durch den Staat an den Grabkolonaden, einem Werk des Baumeisters Karl Gotthard Langhans, dessen 200. Todestag in das Jahr 2008 fällt.

1978 legte Eva Hoffmann-Aleith ihren Roman „Frau von Friedland” vor, der in der Evangelischen Verlagsanstalt Berlin (!) 1978 erschien. 1990 wurde die Arbeit „Die Grabmalsanlage der Familie von Lestwitz und von Itzenplitz” gedruckt, eine kulturwissenschaftliche Betrachtung von Frau Brigitte Schmitz, Kunsthistorikerin an der Alten Gemäldegalerie zu Berlin. 1995 veröffentlichte Frau Erdmute Rudolf ihre Gedanken zu Kunersdorf und Umgebung in dem bibliophilen Druck „Zwischen Strohm und Weydenbruch”. Das Jahr 2006 brachte einen erneuten Schub in die kulturelle Entwicklung von Kunersdorf.

Die Besitzerinnen des „Findling-Verlages” erwarben das einstige Verwalterhaus aus dem Jahre 1926 und zogen von Neuenhagen bei Berlin hierher. Nach Beendigung der aufwendigen restauratorischen Arbeiten wurde es zu ihrer neuen Wohn- und Wirkungsstätte. Von den beiden Verlagsdamen Frau Margot Prust und Frau Inge Bärisch wurde das romantische Grundstück „Musenhof Kunersdorf” getauft. Ursprünglich begleiteten die Musen mit ihrem Gesang die Feiern der griechischen Götter. Zu Hause waren sie auf dem Berg Helikon bzw. dem Parmass bei Delphi. Besonders wohlwollend scheint dem Verlag Muse Klio gesonnen zu sein, die für die Geschichtsschreibung steht. Neben zahlreichen Büchern zur regionalen Geschichte wird hier seit 2006 der Freienwalder Heimatkalender geformt, ehe er in der Druckerei Tastomat bei Eggersdorf das Licht der Welt erblickt. In gewissem Sinne hat der Musenhof somit auch die Funktion eines Museums übernommen, abgeleitet von dem „Museion” der alten Alexandrinischen Universität.

Eine Dauerausstellung macht den Besucher nämlich mit der Kunersdorfer Geschichte, vorrangig der Frau von Friedland, bekannt. Die bisherigen Aktivitäten der „Findlinge” bedeuten uns jedoch, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch den anderen Musen und weiteren Künsten, die den Griechen teils bekannt teils unbekannt waren, an dieser Stelle gehuldigt wird. Beide Damen sehen sich in der Verpflichtung, das Erbe der Helene Charlotte von Lestwitz, genannt „Frau von Friedland” und ihrer Tochter Henriette Charlotte von Itzenplitz zu pflegen und fortzusetzen.

Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle, dass sowohl die Frau von Friedland als auch Frau Margot Prust geborene Schlesierinnen sind, denen man enge heimatliche Verbundenheit nachsagt. Mit dem Rückbau des Verwalterhauses, das von einem eindrucksvollen Garten umgeben ist, schufen sie ein Epizentrum für die weitere Entwicklung zu einem echten Musenhof, zu einem neuen Parnass am Rande des Oderbruchs, dem eine große Zukunft vorhergesagt werden darf. Anmerkung: Auf dem Grabdenkmal des Grafen Peter Alexander von Itzenplitz hat der Bildhauer Christian Daniel Rauch einen gelagerten Flußgott dargestellt, der in diesem Kontext unschwer als die personifizierte Oder zu identifizieren ist. Sein Name VIADRUS erhielt er nach dem lateinischen Namen der Oder, der Viadrus fluvius lautet. Möge er wohlwollend das Geschehen des Musenhofes betrachten und sein Füllhorn reichlich über diese Stelle entleeren. Heißt es doch in der lateinischen Überschrift „Ein Leben ohne Musen ist der Tod”.

Dr. Ernst-Otto Denk
(Heimatmagazin Lebuser Land, Sommer 2008, Seiten 10 bis 12)
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