„Der Kunersdorfer Musenhof” einst und heute
Kunersdorfer Musenhof - kulturhistorische und literarische Gedenkstätte der Frauen von Friedland und Adelbert von Chamisso
Ende des 18. Jahrhunderts übernahm Helene Charlotte von Lestwitz (1754-1803) das Kunersdorfer Schloss mit den Friedländer Gütern und etablierte nach dem Vorbild Berliner Salons ein Zentrum für Landwirtschafts- und Geisteswissenschaften. Der Besitz der Herrschaft Kunersdorf-Friedland ging später auf die Tochter Henriette Charlotte von Itzenplitz und ihren Ehegatten Peter Alexander Graf von Itzenplitz über.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Schloss Kunersdorf zu einem bedeutenden geistig-kulturellen und wissenschaftlichen Zentrum, das weit über die regionelen Grenzen ausstrahlte. Adelbert von Chamisso schrieb hier die weltbekannte Novelle „Peter Schlemihls wundersame Geschichte”, Albrecht Daniel Thaer verfaßte im nahegelegenen Möglin „Die Grundzüge der rationellen Landwirtschaft”, Theodor Fontane beschrieb Schloss, Bewohner und Besucher des Hofes in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg”.
Schloss Kunersdorf wurde zum Anziehungspunkt prominenter Künstler, Wissenschaftler und Literaten. Dazu gehörten u.a. die Gebrüder
Humboldt, die Bildhauer Schadow und Rauch, der Landwirtschaftsreformer Thaer, der Rechtsgelehrte Savigny, Goethes Freund Zelter.
Das große Interesse, das bedeutende Persönlichkeiten der Wissenschaft, Literatur und Kunst nach Kunersdorf führte, brachte nicht
nur dem Schloss und dem Rittergut einen spürbaren Aufschwung, sondern war für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des
gesamten Landstriches von Gewinn. Schloss Kunersdorf und die ehemalige Patronatskirche sind 1945 beim Angriff auf Berlin
zerstört worden, die Dependance des Schlosses (der heutige Musenhof) ist erhalten geblieben. Dieses Herrenhaus wurde - bedingt
durch die Bodenreform - ab 1946 übernommen und später vom Amt Barnim-Oderbruch bis zur Privatisierung 2006 verwaltet.
Für uns drei Frauen ging mit dem Kauf des Herrenhauses ein langersehnter Wunsch in Erfüllung. Wir konnten unseren Arbeits- und
Lebensmittelpunkt in jene Gegend verlegen, die uns landschaftlich und kulturell-künstlerisch am nächsten war - in das Oderbruch.
Unsere sogenannte „Villa”, die etwa 1926 erbaut wurde, befindet sich inmitten wertvoller
Kunstdenkmale - zwischen der von den Bildhauern Schadow, Rauch und Tieck geschaffenen Säulenkolonnade,
der Kuppelkirche, dem von Peter Josef Lenné angelegten Schlosspark, dem alten Dammkrug, dem
Gedenkstein für Adelbert von Chamisso und dem Denkmal der Frau von Friedland.
Und genau an diesem Schnittpunkt entstand mit Beginn des neuen Jahrtausends die Idee von der Belebung des „Kunersdorfer
Musenhofes”. Denn, was vorherigen Generationen Erfolg brachte, wird im 21. Jahrhundert ebenso zur Belebung von Kunst, Kultur
und Wirtschaft führen.
Mit der Belebung des „Kunersdorfer Musenhofes” 2006 wurde das Ziel verfolgt, eine Plattform für Literatur, Kunst und Kultur als wichtigen Tourismus- und Wirtschaftsfaktor im kulturhistorischen Dorfensemble von Kunersdorf zu verankern und erlebbar zu machen. Den Kunersdorfer Musenhof als wichtiges Literaturzentrum in Ostbrandenburg wieder zu beleben und neu zu gestalten, hatte sich der Verein „VorOrt - Kunst, Kultur und Kommunikation e.V.” zur Aufgabe gestellt und bis Ende 2010 realisiert. Jährlich wurden zehn bis zwölf klassische und zeitgenössische Veranstaltungen durchgeführt. Zum Repertoire gehörten u.a. Chamisso, Kleist, Heine, Fontane, Rilke, Borchert, Wander, Kästner, Tucholsky, Fühmann. Eine Lyrik-Nacht mit fünf Autoren, Jazz und Kerzenschein, auch eine Auftaktveranstaltung zum Thema „Salons und Musenhöfe - Neuständische Geselligkeit in Berlin und der Mark Brandenburg um 1800” mit Lesungen zu Friedrich und Caroline de la Motte Fouqué, eine Veranstaltung mit dem Kleist-Museum und der Universität Viadrina, musikalisch begleitet durch die Gruppe „Pathia Musica” - heitere Salonmusik um 1800, gehörten zu den größeren Veranstaltungen. Eingebunden wurden auch kulturhistorische Themen wie z.B. „Die Friedländsche Bibliothek”, eine der größten Schlossbibliotheken der Mark, die bis 1945 über 30 000 Bände in ihrem Bestand aufwies, Vorträge zur heute noch existierenden klassizistischen Kolonnade, zur „Ziegelarchitektur im ländlichen Raum der Mark Brandenburg” sowie multimediale Veranstaltungen zum Thema „Kugelköpfe und Backsteingotik”. Im öffentlichen Bereich ist derzeit die Dauerausstellung „Kunersdorf und die Frauen von Friedland” etabliert.
Der Garten des Kunersdorfer Musenhofes ist der ehemalige Küchengarten des Schlosses und erstreckt sich heute über 9.000 qm. Eine Vielzahl von unterschiedlichen Ziergehölzen, Obstbäumen und blühenden Pflanzen geben dem Garten einen großzügigen, parkähnlichen Charakter. Bildende und angewandte Künstler aus Brandenburg und Berlin (Horst Engelhardt, Roland Rother, Ehrhard Thoms, Prof. Werner Stötzer, Michael Klein, Erika Stürmer-Alex, Hella Horstmeier und Heiko Börner) stellen als Leihgabe ihre Plastiken zur Verfügung, die zum gestalterischen Konzept des Kunersdorfer Musenhofes gehören.
In den vier Jahren unserer Aktivität konnten jährlich über 2 000 Besucher registriert werden. Erstmalig vergab das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (WMFK) ein literarisches Stipendium für 2009 ff. - das „Kunersdorfer Musenhof-Stipendium” - das erste Musenhof-Stipendium in Deutschland. Die Autorin Regina Scheer, bekannt durch die Liebermann-Biografie (2008) weilte in der Zeit vom 10. September bis 10. Dezember in unserem Haus und schrieb hier an ihrem neuen Roman „Machandelboom” (Arbeitstitel).
Der Kunersdorfer Musenhof liegt ca. 80 km östlich von Berlin entfernt. Er nimmt in der Geschichte der Künste, insbesondere der
Literatur, eine besondere Stellung in der deutsch-französischen Literatur ein. Schloss Kunersdorf beherbergte 1813 den bedeutenden
Dichter der Romantik Adelbert von Chamisso, der hier sein Hauptwerk, die bekannte Novelle „Peter Schlemihls wundersame
Geschichte” schrieb. Dieses literarische Werk gehört bis heute zur Weltliteratur.
Die Erstauflage der Novelle „Peter Schlemihls wundersame Geschichte” erschien 1814 in Nürnberg und wurde von
Friedrich de la Motte Fouqué herausgegeben. Viele Werkauflagen und mehrere Übersetzungen sind inzwischen veröffentlicht worden.
Der Kunersdorfer Musenhof, als taditionsreiche und lebendige Einrichtung, hat sich zur Aufgabe gestellt, künftig auch das Leben und Werk des Dichters und Naturforschers Adelbert von Chamisso stärker einzubeziehen und ihm eine Heimstatt zu geben. So wurde am 17. April 2010 eine gemeinnützige Chamisso-Gesellschaft e.V. gegründet, die ihren Sitz im Kunersdorfer Musenhof hat. Da Kunersdorf in Chamissos Biografie und damit für Freunde der Literatur in aller Welt eine besondere Bedeutung hat, soll der Musenhof als Literaturhaus bzw. Chamisso-Erinnerungsort weitergeführt werden.
Zu unseren Projekten gehören:Dauerausstellung über die Frauen von Friedland und Adelbert von Chamisso
Aufbau einer Handbibliothek klassischer Werke der Romantik
Durchführung der Mitgliederversammlungen jeweils im 2. Quartal jeden Jahres
Aufbau und Betreuung einer Chamisso-Sammlung mit Reprints, Faksimiles und Originaldokumenten in enger Zusammenarbeit mit der Staatsbibliothek Berlin und dem Kleist-Museum Frankfurt (Oder)
Kooperation mit Literaturhäusern und anderen literarischen Vereinigungen Brandenburgs und der anderen Bundesländer
Musikalisch-literarische Veranstaltungen, künstlerische Pleinairs und wissenschaftliche Symposien.
Die Dauerausstellung im Salon, die Bibliothek, der öffentliche Veranstaltungsbereich und der großzügige, parkähnliche Garten gehören zum Repertoire unseres Hauses und bieten vielfältige Möglichkeiten für Veranstaltungen jeder Art. Ganz in der Tradition der Frauen von Friedland, Helene Charlotte von Lestwitz und Henriette Charlotte von Itzenplitz, sind die Räume des Findling Verlages und die privaten Wohnräume integrierter Teil des Musenhofes. So verbinden wir Leben, Wohnen und Arbeiten an diesem kulturhistorischen Ort. Mit unserem Haus ist ab 2006 ein weiteres Kleinod zwischen Neuhardenberg und Bad Freienwalde entstanden, das die Kulturlandschaft des Oderbruchs belebt und bereichert.
Margot Prust, Inge Bärisch, Marion SchulzKunersdorfer Musenhof - Chamisso-Literaturhaus
Dorfstraße 1 * OT Kunersdorf * 16269 Bliesdorf
Fon: 03 34 56/ 15 12 27 * Projektleitung: Margot Prust
www.kunersdorfer-musenhof.de * info@kunersdorfer-musenhof.de