Medaille mit vielen Seiten

Der Bildhauer Roland Rother ließ sich vom Erfinder Peter Schlemihls zu Kunstwerken inspirieren

Chamissos Geschichte über Peter Schlemihl, den Mann ohne Schatten, hat auch den Frankfurter Bildhauer Roland Rother begeistert. „Mit Chamissos Balladen hatte ich als junger Mensch so meine Probleme. Die Sprache so gewunden pathetisch, das liest sich nicht so leicht.” Trotzdem hat er sich im Winter vor einem Jahr daran gemacht, sie zu studieren. Und, im siebenten Lebensjahrzehnt stehend, verstand er sie anders als vor Zeiten. Warum sich Roland Rother gegenwärtig so ausgiebig mit dem Dichter und Naturforscher befasst? Einer der Anstöße sei die Gründung der weltweit ersten Chamisso-Gesellschaft im zurückliegenden April auf dem Musenhof in Kunersdorf (Märkisch-Oderland) gewesen, in dem Ort, wo der „Peter Schlemihl” entstand. Er habe sich Biografien besorgt, auch die von Beatrix Langner, der Vorsitzenden der Gesellschaft. „Ich bin immer tiefer eingetaucht in das Leben von Chamisso und war immer mehr fasziniert von seinen vielen Facetten.”

Der Bildhauer, der findet, dass Kunst in den öffentlichen Raum gehört, und dessen künstlerische Spur sich in Berlin und Brandenburg aufnehmen lässt, hat eine besondere Leidenschaft: die Gestaltung von Kunstmedaillen. Rother gehört heute zu den wenigen deutschen Künstlern, die sich damit international einen Namen gemacht haben. Von ihm gestaltete Kunstmedaillen waren unter anderem in Helsinke und London zu sehen. Gerade aus dem amerikanischen Colorado Springs nach Deutschland zurückgekehrt sind seine beiden Stücke „Vertilger Gott” und „Hommage für Niki de Saint Phalle”. Die Internationale Kunstmedaillen Förderation FIDEM (Fédération Internationale de la Médaille d'Art), die seit ihrer Gründung 1937 jenes fantasievolle Genre weltweit ins öffentliche Blickfeld rückt, hatte den Frankfurter Medailleur in ihrer Ausstellung in den USA präsentiert. Der deutsche Ausstellungsteil reist postwendend weiter nach Dresden, also auch Rothers Medaillen. Die Kunstsammlungen der Elbmetropole zeigen die deutschen Stücke ab März 2011, auch Berliner Häuser äußerten für die Zeit danach Interesse.

Bei Rother haben die Medaillen nicht nur zwei Seiten. Er entwickelt seine Stücke in Dimensionen, die die Grenze zwischen Medaille und Kleinplastik aufheben. Chamisso mit seinem vielgestaltigen Dasein hat Rother inspiriert. Die adäquate Bildfindung ist für ihn nicht nur Arbeit, sondern ein freudvoller Prozess. Der Bildhauer hat selber vergnügte Lust am künstlerischen Philosophieren.

Rother hat Chamisso in ein Boot gesetzt, denn der Dic hter trieb heimatlos in der Welt umher. Chamisso war ein Emigrant zwischen Preußen, seiner Wahlheimat, und Frankreich, seinem Vaterland, wofür auch das altfranzösische Barett auf seinem Kopf steht. Doch er suchte nicht nur ein Zuhause, sondern ebenso seinen krativen Standort: dichtender Naturforscher oder ein die - menschliche - Natur erforschender Poet? Wechselt man den Blickwinkel auf die Medaille, erinnert sie an ein Buch, in dem Pflanzen für ein Herbarium gepresst werden. Tippt man das Boot an, schaukelt es wie eine Waage - auf der Suche nach dem Gleichgewicht, dem Ort, wo man sich niederlassen kann, um nicht mehr wie ein Blatt im Wind der Meere auf ewig zu treiben. Und Rother gibt Chamisso auf der Kunstmedaille einen Schatten, läßt ihn also nicht einsam sein wie Schlemihl.

Legt man das Kleine Werk auf die Seite, scheint es - sich öffnend - etwas Verborgenes preizugeben wie eine Muschel ihre Perle. Chamisso ging den Geheimnissen auf den Grund und spiegelte sie in Poesie, wie diese Perspektive der Medaille zeigt, und in seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Stellt man die Medaille senkrecht, scheint es, als schlüge die Lebensflamme gen Himmel. Zu welcher Leidenschaft war dieser Chamisso fähig!

Das alles fand der Bildhauer in den Balladen des Dichters, in den biografischen Zitaten, in den Schriften über diesen Mann, der in Frankreich der Deutsche war, in Deutschland der Franzose, den Katholiken als Protestant galt und den Protestanten als Katholik, der für die Aristokraten Jakobiner war und für die Demokraten ein Edelmann, wie er über sich sagte. Kein Wunder, dass die Chamisso-Medaille viele Seiten hat.

Rother, aus dessen vielgestaltigem Schaffen sich Werke in den Beständen der Nationalgalerie und des Bade-Museums in Berlin ebenso finden wie in denen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, des Museums Junge Kunst und des Kleist-Museums in Frankfurt, könnte sich vorstellen, mit dieser Medaille dem Adelbert von Chamisso-Literaturpreis ein „Gesicht” zu geben. Die Robert Bosch Stiftung vergibt ihn seit 1985 an Autoren, deren Muttersprache und kulturelle Herkunft nicht die deutsche ist, die mit ihrem Werk jedoch einen wichtigen Beitrag zur deutschsprachigen Literatur leisten. Warum soll der Preis nur eine Mappe mit Scheck bleiben?

Aber Roland Rother hat auch für Chamissos authentischen Aufenthaltsort im Oderbruch etwas im Sinne. „Kulturtouristen, die nach Kunersdorf kommen, sind auf Spurensuche. Hier entstand schließlich der Schlemihl. Man könnte rätselhafte Wegzeichen platzieren, die in Beziehung zu der wundersamen Geschichte stehen. Nicht nur mit dem Schatten ließe sich künstlerisch gut spielen, auch mit den Siebenmeilenstiefeln und Hemmschuhen beispielsweise.”

Für Chamissos Kunersdorf hat er einen Obelisk entworfen

Bereits enworfen hat er für den Musenhof, der auch Sitz der Chamisso-Gesellschaft ist, einen Obelisken. „Um den historischen Bezug zu Chamissos Lebenszeit herzustellen, habe ich an eine dreieckige Säule gedacht mit ovalen Medaillons. Das war damals der Stil der Zeit.” Im Gegensatz zum geschichtlichen Verweis verwendet Rother moderne Materialien: eine Mischung aus Stahl, Stein und Licht, das raffiniert genutz wird. Inhaltlich berühren die drei Seiten des Obelisken die verschiedenen Bereiche seines Schaffens: die Poesie, die die Innenwelt, Dramatik, Schmerz, Schaaten, Musen spiegelt, die Natur, die sein wissenschafliches Wirken reflektiert, und sein Lebensweg, der die Geschichte, Begegnungen, Freundschaften, die Außenwelt streift. Die drei Medaillons zeigen das Porträt, Lebensdaten und Lebensorte sowie Zitate. Zusätzlich könnte eine Skulptur für den Eingansbereich entstehen, die dem Besucher Chamisso beim Hineingehen als junger Mann und nach dem Anschauen der Chamiso-Ausstellung beim Verlassen des Hauses als einen vom Leben Geprägten zeigt. Das Doppelrelief hat in Rothers Kopf schon klare Gestalt angenommen.

„Vögel haben keine Schuhe”, hat der Bildhauer bei seinen Recherchen über Chamisso gelsen, was für dessen Freiheits- und Gestaltungswillen stand, für das Sich-nicht-entmutigen-lassen. Ein bisschen Chamisso steckt eben auch in dem Künstler Roland Rother.

Silvia Fichtner
(Brandenburger Blätter, Märkische Künstler, 17. Dezember 2010, Seite 9)
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