Peter Schlemihl hält es für das Geschäft seines Lebens, als er seinen Schatten gegen einen Geldbeutel tauscht, dessen Barschaft nie versiegt. Er wird nun der reichste, aber auch der einsamste Mensch der Welt, weil ein Mann, der keinen ordentlichen Schatten wirft, nirgendwo gelitten ist. Als der Teufel ihm anbietet, den Schatten mit seiner Seele zurückzukaufen, schleudert Schlemihl den Wunderbeutel in die tiefste Schlucht. Arm und heimatlos sucht er nach seiner Lebensaufgabe, und die findet der schattenlose Held, als ihm das Schicksal ein Paar Siebenmeilenstiefel vor die Füße stellt, die ihn mit jedem Schritt auf einen anderen Kontinent bringen. So ausgerüstet beschließt er, sich ganz der Erforschung der Welt zu widmen.
In mehr als 100 Sprachen wurde „Peter Schlemihls wundersame Geschichte” übersetzt. Unzählige Ausgaben sind von diesem Text erschienen, der weder Märchen ist noch Roman, der sich wie sein Held und dessen Erfinder jeder Eindeutigkeit entzieht. Schlemihls Autor Adelbert von Chamisso hat sein ganzes Leben zwischen den Stühlen gelebt. Er war Franzose von Geburt, aber Deutscher mit dem Herzen. Er war Dichter und Naturforscher und der Spross einer angesehenen Adelsfamilie, der den größten Wert darauf legte, ein bürgerliches Leben zu führen.
Als Louis Charles Adelaíde de Chamisso de Bouncourt zwisschen dem 27. un d 30. Januar 1781 in der Champagne geboren, floh er mit seinen Eltern 1792 vor der Französischen Revolution. Vier Jahre später standeten die Chamissos in Berlin. Mit 17 ging Adelaíde, der Familientradition folgend, zum Militär und fühlte sich dort bald deplatziert. Er litt unter der Dumpfheit des ganzen Apparates und begann eine geistige Flucht. Sie führte ihn in die Berliner Salons, in denen die intellektuelle Elite Preußens leidenschaftlich über Philosophie, Literatur, Politik und August Wilhelm Schlegels neue Kunstauffassung diskutierte, die der Poesie nun alles zutraute. „Sie allein”, meinte Schlegel, „ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, dass die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide.” Chamisso hat das tief bewegt. Er schloss sich dem Nordsternbund an, einer Gemeinschaft junger Dichter, die sich aus mystischer Verklärung und pseudowissenschaftlicher Spekulation ein krudes Weltbild zusammengezimmert hatte, versuchte ein deutscher Poet zu werden und nannte sich in Adelbert um. Doch im ersten Anflug künstlerischer Euphorie klebte er zu sehr an seinen Vorbildern, und seine nachgeahmte Kunst blieb eine blutleere Schöpfung.
Dichtung wirklich mit Leben zu füllen, hatte er sich von Ludwig Uhland abgeschaut, den er 1810 in Paris traf - nach Preußens Niederlage 1806 pendelte Chamisso zwischen Berlin und Paris, ohne da wie dort heimisch werden. Uhlands Klarheit und sprachliche Schlichtheit wiesen Chamisso, der alle Türen verschlossen und sein Leben ihm entschlüpfen sah, zumindest künstlerisch den Weg. Er verabschiedete sich von der aufgebauschtgen Spielerei der Nordsternbund-Lyrik. Und in dem Erfolg, den Chamisso später mit seinen Gedichten haben sollte, schwang immer auch etwas von Uhlands Balladenton mit.
In Paris zog es ihn außerdem in den Bannkreis von Germaine de Stäel. Diese Frau, „dick und feurig”, erscheint Chamisso als „eine Napoleon nicht untertänige Macht”, die sich in Regionen bewegte, „wo sich die politischen Gewitter bilden”. Mit der erbitterten Widersacherin des Kaisers verbindet ihn eine solche geistige Nähe, dass er ihr ins schweizerische Coppet folgt, als seine „schöne, hohe Freundin” von Napoleon des Landes verwiesen wurde. Doch dort vertrieb er sich die Zeit weniger mit Schreiben als mit ausgedehnten Wanderungen im Jura und in den savoyischen Voralpen und sammelte ein Herbarium mit mehr als 1000 Pflanzen zusammen. Der Detsch-Franzose hatte seinen Wandel von der poetischen Spekulation zur empirischen Wissenschaft vollzogen. Als die Stäel Coppet 1812 verließ, schnallte er sich die Botanisiertrommel um und marschierte um das Montblanc-Massiv, durchs Rhônetal über den Gotthard bis nach Deutschland. Chamiso wurde ein Pflanzensüchtiger und Student in Berlin.
„Peter Schlemihl” begründete seinen Weltruhm als SchriftstellerAls 1813 die Befreiungskriege losbrachen, verließ Chamisso, der sich zwischen den Fronten zerrissen fühlte, Berlin und lebte von Mai bis Oktober auf dem Gut Kunersdorf des Generalintendanten der preußischen Domänen, Graf Peter Alexander von Itzenplitz. Er nutzte die Zeit, um ein Herbarium der Pflanzen des Oderbruchs anzulegen, und abends erzählte er den Itzenplitz-Kindern jene Geschichte, mit der er als Dichter weltberühmt wurde: Peter Schlemihl. Seit fast 200 Jahren wird über diese allegorische Dichtung, die unheilvolle Macht des Geldes, den tieferen Sinn des Schattenmotivs diskutiert, wird über den darin beschriebenen Weg der Selbstverwiklichung nachgedacht und bestaunt, wie es dem Dichter gelang, den Zauber des Märchenhaften in eine epische Welt hineinzupflanzen, ohne beides zu zerstören. Chamisso hat dazu nie viel gesagt, sondern immer nur erklärt, dass es doch nur eine Gute-Nacht-Geschichte gewesen sei.
Trotzdem fand er sie selbst so gelungen, dass er wieder eine Prosa veröffentlichen wollte, wenn sie vom gleichen Format wäre. Chamisso hat danach nur noch Gedichte und wissenschaftliche Texte in den Druck gegeben. Von seiner dreijährigen Reise um die Welt zum Beispiel, zu der er sich 1815 gemeldet hatte, als nach Napoleons Rückkehr die Stimmung in Deutschland immer antifranzösischer wurde. Am 17. August stieß er mit der russischen „Rurik” in Kopenhagen in See. Sie sollte vom Beringmeer aus einen Seeweg um Nordamerika finden. Daraus wurde nichts, weil es Kapitän Otto von Kotzebue vorzog, statt in die unbekannte, raue Welt des Nordens vorzudringen, durch die geruhsamen Gewässer zwischen Alaska und Hawaii zu kreuzen. Chamisso sammelte an all den fernen Küsten und Inseln, die sie ansteuerten, alles, was ihm nur beachtenswert schien: Pflanzen, Tiere, Knochen, menschliche Schädel, Werkzeuge un d Mineralien und studierte die Sitten und Sprachen der Völker Polynesiens und Mikronesiens.
Die akribische Auswertung dieser dreijährigen Reise beschäftigte ihn fast bis ans Ende seines Lebens. Seine umfangreiche Sammlung brachte er mit nach Berlin. Die Pflanzen und Herbarien vermachte er dem Botanischen Garten, dessen zweiter Kustos er wurde. Das Amt des ersten übernahm er 1833. Aber trotz der Hingabe an die botanischen Forschungen mochte der Dichter in Chamisso nicht schweigen. Er hatte sich von aller Schwülstigkeit befreit, seine Sprache war nun geschliffen, direkt, manchmal ironisch, auch sozialkritisch. Chamisso war zwar weder so spöttisch noch so provokant wie Heine, aber in die Biedermeierbehaglichkeit haben sich seine Verse nicht eingerolt. Dass da ein alter Romantiker einen wacheren Geist hatte als viele von Heines Altersgenossen, nötigte dem Enfant terrible der deutschen Literaturszene Respekt ab. Umgekehrt hielt Chamisso auf Heine große Stücke und setzte durch, dass dessen Porträt der Titelkupfer des Musenalmanachs von 1836 wurde. Er hatte damit die ängstlichen schwäbischen Dichter verschreckt, die sich wegen Heine aus dem Almanach zurückzogen, der aber trotzdem erschien. Schon der Autorität Chamissos wegen. Als Lyriker genoss er inzwischen höchstes Ansehen, war viel gelesen und von Schumann vertont. Auch der Naturforscher Chamisso erfuhr seine Würdigung und wurde 1835 in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Er nannte diese Anerkennung das „erfreuende Licht”, „nach welchem der deutsche Dichter scheidend begehrte”.
Am Ende seines Lebens haben Chamissos poetisches und forschendes Ich doch zusammengefunden - in seinen „Reisebeschreibungen”. Aber nicht nur Literatur bleibt von diesem Mann, der am 21. August 1838 starb. Nach ihm sind fünf Pflanzengattungen benannt, 28 Pflanzenarten und eine winzige Insel in der Tschuktschensee.
Uwe Stiehler